Projekt 2026-04122A
Roco 04122A - BR 93
Stichworte: Blockierte Achsen, Steuerungskorrektur, Geruchsentwicklung, Reinigung und Wartung
Erwerb
Dieses schöne Modell einer BR 93 Dampflokomotive stammte aus einem Nachlass und sollte vor dem Verkauf instandgesetzt werden da es bei der Testfahrt nur sehr schlecht, wenn überhaupt, lief.
Doch um welche Lokomotive handelt es sich eigentlich?
Das erste Modell der DR BR 93 wurde als Artikel-Nummer 4122A im Katalog 1980/81 als Neuheit angekündigt [1] - Später auf der Verpackung wurde daraus die Artikelnummer 04122A. Weitere Versionen dieser Lok waren die 4122B (SNCF), 4122C (ÖBB) sowie die 4122D der SNCB. Es handelt sich dabei wohl um eines der häufigsten Modelle der BR 93 und ist dementsprechend günstig auf dem Gebrauchtmarkt zu bekommen.
Nun wollen wir uns einmal ansehen, was es mit den Problemen unserer Lokomotive im speziellen auf sich hat.
Diagnose
Optisch war die Lok noch in einem sehr guten Zustand. Lediglich die Drähte im Kesselbereich hatten teilweise etwas Flugrost - aufgrund des Alters ein fast schon natürlicher Prozess und auch bei vergleichbaren Modellen fast überall zu sehen.
An der Unterseite konnte man ein paar Verschmutzungen auf den Radlaufflächen erkennen, die Lok schien also öfters gefahren worden zu sein. Darauf deuteten auch die grünen Haftreifen hin. Diese waren nämlich nicht original, versprödet und in eher schlechtem Zustand, was einen Tausch nötig macht.
Bei der ersten Testfahrt blieb die Lok öfters mal stehen, und der Motor schien sich phasenweise sehr stark abzumühen, um Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung zu erzeugen. Auf dem Rollenprüfstand konnte man ganz gut erkennen, dass die Lok periodisch "ruckelte" - und zwar synchron zu den Umdrehungen der Treibräder [2].
Dies deutete auf ein Problem mit dem Gestänge oder einer Achse hin. In diversen Internet-Foren berichten Modelleisenbahner von ähnlichen Problemen im Zusammenhang mit diesem speziellen Modell da nur eine der Achsen angetrieben wird und die restlichen Achsen durch das Gestänge verbunden sind, was die Gestängeteile mit der Zeit angeblich "ausleiert": Das müssen wir uns nachher bei der Wartung also etwas genauer ansehen. Die Beleuchtung schien zwar etwas schwach, aber noch funktional zu sein. Alles in allem waren wir zuversichtlich, die gefundenen Probleme wieder hinzubekommen.
Auseinanderbau
Zunächst mussten wir die Lok zur weiteren Inspektion zerlegen. Hierfür entfernten wir zuerst den Nachläufer indem wir die entsprechende Schraube an der Unterseite lösten. Achtung: So wie beim Vorläufer befindet sich unterhalb des Läufers eine kleine Feder welche gerne herausspringt wenn man nicht darauf achtet! Anschließend nahmen wir das Gehäuse ab. Hierfür musste man zwei Schrauben abmachen: Eine lange Schaftschraube an der Unterseite sowie eine kürzere Schraube welche unter einem Deckel direkt hinter dem Führerhaus versteckt ist.
Spätestens ab diesem Zeitpunkt bietet es sich wieder an, Fotos zu machen damit man später beim Zusammenbau alles wieder originalgetreu zuordnen kann: Vor allem die Schräubchen und die Gestängeteile sind ansonsten schwierig wieder zusammenzuflicken.
Nun wird die schön strukturierte Platine freigelegt auf denen wir die typischen Elemente einer analogen Lok Anfang der 80er-Jahre sehen: Lämpchen, ein Kondensator, ein paar Dioden für den Lichtwechsel und eine relativ überschaubare Anzahl an Lötstellen mit zwei Kabelverbindungen zu den Stromabnahme-Federn oberhalb der Räder.
Die einzelne Kardanwellenverbindung vom Motor zum Getriebe kann direkt ausgebaut werden nachdem man den hinteren Aufbau etwas anhebt - der starke Verschmutzungsgrad deutet ebenfalls darauf hin, dass die Lok dringend eine Wartung benötigt. Die runde, blaue Unterlagscheibe unter dem hinteren Lämpchen scheint ein Isolator zu sein welcher wahrscheinlich Kurzschlüsse zwischen leitenden Platinenteilen und dem Gussrahmen verhindern sollte - hier dürfen wir später nicht vergessen, wieder eine Isolierung einzubauen da es dieses Teil ja nicht ohne Grund geben wird.
Die Platine selbst schien in einem sehr guten Zustand zu sein. Die beiden Kabel von den Stromabnehmern müssen zum weiteren Zerlegen abgelötet werden - anschließend kann der Unterbau mit Achsen und Getriebe vom Oberbau mit dem Ballastgewicht, der Platine und dem Motor getrennt werden. Auch hier waren starke Verschmutzungen zu sehen welche vom Getriebe stammten welches das alte Schmierfett im ganzen Innenleben der Lok verteilte.
Die Platine konnte man mit zwei weiteren Schrauben vom Ballastgewicht trennen, was den relativ kleinen Standard-Motor freilegte. Den bekommt man am besten heraus wenn man von der anderen Seite dagegendrückt, beispielsweise mit einem kleinen Schraubenzieher. Der Motor soll im Zuge der Wartung später ebenfalls untersucht werden.
Als nächstes musste der Getriebedeckel ab, was gar nicht so einfach ist: Vier metallische Rastnasen auf jeder Seite machen ein Aufspreizen des Hartplastik-Teils sehr schwierig - mit etwas Herum-Probieren mit diversen Schneidklingen schafften wir es aber dann aber doch, die Schnecke und die Zahnräder freizulegen. Auch hier ist Vorsicht geboten: Die äußere Schneckenlagerung fällt sehr leicht ab, und zwischen Lagerung und Schnecke befindet sich (meistens) auch noch eine dünne Beilagscheibe als Distanzhalter.
Nun können wir uns den Achsen und dem Gestänge widmen: Ein Kontrollfoto der Gestänge- und Steuerungskonfiguration bringt auch hier etwas Sicherheit, um später alles wieder richtig zusammenzubauen.
Jetzt, da die Schneckenwelle entfernt ist, können wir auch einen kleinen Rolltest mit der Hand durchführen um zu sehen, ob die Achsen immer noch teilweise blockieren - und stellen fest, dass dem tatsächlich so ist [3]. Woran könnte das wohl liegen?
Weitere Kleinteile wie Lichtleiter und Kolbenstangen können ebenfalls entfernt werden bevor wir schliesslich den unteren Getriebedeckel abmachen.
Bei weiterer Inspektion des Gestänges bemerkten wir eine ungewöhnliche Schraube: Anstatt einer 2.5er-Sechskantmutter wie bei Roco-Gestängen normalerweise üblich befand sich eine Rundkopf-Schlitzschraube auf einer Gestängeverbindung. Hier hatte der Vorbesitzer die Originalschraube wohl verloren und durch eine ähnliche M1-Schraube ersetzt. Auch das könnte die Probleme mit dem Gestänge zumindest mitverursacht haben da handelsübliche Schrauben oft weder die richtige Länge noch die richtigen Kopfdimensionen haben.
Nun wird noch das restliche Gestänge zerlegt wozu sich ein Maulschlüssel mit Schlüsselweite 2.5 am Besten eignet - ein passendes Set gibt es beispielsweise von Donau Elektronik zu kaufen [3].
Die Steuerung ist oben auf dem Metallrahmen passgenau aufgepresst und kann ziemlich fest auf dem Metallrahmen sitzen, ebenso wie der Getriebeaufbau mit den Stromabnehmern: Hier ist etwas Fingerspitzengefühl gefragt, um keine Teile zu beschädigen oder abzureissen - insbesondere die roten Rastnasen welche in den Gussrahmen einklipsen und welche von der Unterseite beispielsweise mit einem Zahnstocher aufgeweitet werden können.
Die Steuerung muss man nicht unbedingt zerlegen da die Teile sehr filigran sind und es Probleme geben könnte, alles wieder so wie vorgesehen zusammenzubauen - es ist jedoch möglich wenn man zwei kleine Rastnasen löst und das Gestänge ans den Halterungen vorsichtig herausschiebt.
Nun können wir mit der Wartung beginnen - davor müssen uns aber noch kurz um ein paar passende Ersatzteile kümmern.
Ersatzteile
Dieses Modell ist auch heute noch sehr weit verbreitet. Es ist also noch relativ einfach, Ersatzteile und baugleiche Bastlerlokomotiven zu finden - ein nicht zu unterschätzender Vorteil wenn einmal etwas nicht so funktionieren sollte wie vorgesehen.
Das erste Ersatzteil, dass wir organisieren müssen ist eine passende Verbindungsschraube für das Gestänge, als Ersatz für die Rundkopf-Schraube. An dieser Stelle sei unserer Lok ein Original-Ersatzteil gegönnt: Hierbei handelt es sich um die M1 x 3.6mm Sechskantschraube, Art No. 85765 von Roco welche es um weniger als 2 Euro zu kaufen gibt - beispielsweise auf ebay.
Das zweite Ersatzteil, das wir brauchen, sind die Haftreifen. Hier sollte man nicht unbedingt auf Original-Ersatzteile zurückgreifen - auch weil sich bei denen, die es heutzutage noch gibt, schon längst der Weichmacher aus dem Material gelöst hat und sie deshalb versprödet sind - selbst im noch originalverpackten Zustand.
Eins sehr gute Alternative sind jedoch Haftreifen von Drittanbietern wie KaModell. Für Roco BR 93-Modelle empfiehlt sich Typ 4D/0,5 welche es im 6er-Pack relativ günstig zu kaufen gibt [5]
Nach ein paar Tagen Warten trafen die Ersatzteile schließlich ein. Aus optischen Gründen werden wir auch die zweite Sechskantmutter auf der gegenüberliegenden Seite ersetzen.
Reinigung und Wartung
Zunächst werden alle Teile vorgereinigt - insbesondere die Getriebeteile sind natürlich stark verschmutzt, ebenso die Radlaufflächen aller Achsen und die Lagerungen. Hier bieten sich wie üblich Wattestäbchen aller Art und als Reinigungsmittel der Wahl Waschbenzin an.
Danach werden alle kleineren Teile in ein SR24 Modellbahnöl-Bad eingelegt und nach 24 Stunden nochmals nachgereinigt - beispielsweise mit einer alten Zahnbürste bekommt man dann üblicherweise auch den hartnäckigsten Schmutz ab.
Nun ist der Motor dran: Die Kohlen können wir mit einem handelsüblichen Schraubschlüssel (SW 8) zugänglich machen und inspizieren indem wir die beiden seitlichen Motorpole herausschrauben - sie scheinen noch OK zu sein.
Den Kohlenstaub welcher sich im Laufe der Jahre angesammelt hat können wir relativ gut mit Wattestäbchen und Zahnstochern aus dem Motor holen. Vor dem Zusammenbau werden dann noch alle Lagerstellen mit Spezialöl abgeschmiert - unser Motor ist nun wieder einsatzbereit.
Die Stromschleifer haben im Laufe der Jahre auch etwas Oxidation angesammelt - diese Oberflächenkorrosion, zusammen mit weiteren Verschmutzungen, kann die Effektivität der Radschleifer bei der Stromabnahme beeinflussen weshalb alle Kontaktflächen vor dem weiteren Zusammenbau mit einem Glasfaserstift abgeschliffen werden. Gegebenenfalls kann man diese Prozedur übrigens auch bei den Stromfedern durchführen welche von der Platinenunterseite auf die Motorpose drücken.
Die neuen Haftreifen können ganz gut mit einem Zahnstocher aufgezogen werden nachdem die alten, möglichst rückstandslos, entfernt wurden - wie üblich muss man etwas auf die scharfkantigen Spurkränze aufpassen, um das Gummi-Material dabei nicht zu beschädigen.
Nun werden noch alle Lagerstellen und beweglichen Teile der Achsen, der Steuerung, der Zahnräder und des Gestänges mit jeweils einem kleinen Tropfen Spezialöl eingeölt - die Getriebe-Zahnräder bekommen noch etwas Spezial-Schmierfett für Plastikzahnräder ab. Anschließend wird alles wieder Schritt für Schritt zusammengebaut.
Ein kurzer Rolltest nach dem fertigen Zusammenbau des Unterbaus zeigt nun, dass die Achsen deutlich besser laufen: Es ist kaum Kraft nötig damit sich alle durch das Gestänge verbundenen Achsen drehen [6]. Später werden wir sehen, ob sich diese Beobachtung auch bei einer Testfahrt bestätigt.
Nach dem Einsetzen des Motors dürfen wir nicht auf die zuvor identifizierte isolierte Stelle vergessen bevor wir die Platine wieder anschrauben - anstatt des runden, blauen Isolators wird die Stelle jedoch erneuert und nun mit einem Stück Kapton-Band isoliert.
Schließlich wird auch noch die Kardanwelle geölt bevor der Oberbau mit dem Unterbau verbunden wird - abschließend werden die beiden Kontaktkabel zu den Schleifern wieder festgelötet, Danach wird das Gehäuse wieder aufgeschraubt und die Lok auf den Rollenprüfstand gesetzt - wo sowohl Vorwärts- und Rückwärtsfahrt sowie die Beleuchtung einwandfrei funktionierten [7].
Ende gut, alles gut? Beinahe - denn fast schon traditionell kam bei der abschließenden Testfahrt noch ein Problem zum Vorschein - wann immer die Lok um die Kurve fuhr (dieses Fahrverhalten konnte man auf dem Rollenprüfstand ja nur schwer simulieren) schien auf einmal das Gestänge zu blockieren [8].
Als Ursache wurde schließlich ein Teil der Steuerung identifiziert welcher sich bei gewissen Winkeln im Gestänge verhakte und mit der Hand wieder gelöst werden musste.
Irgendetwas schien also verbogen oder verdreht zu sein. Als Ursache konnten wir schließlich einen Plastikteil der Steuerung identifizieren welcher in den Kolben hineingesteckt wurde und den Neigungswinkel der ganzen Steuerung vorgab: Wenn dieses Teil nicht genau vertikal stand konnte es sein, dass die Steuerungsteile im Gestänge landeten.
Gottseidank konnten wir diese kleine Falschausrichtung ganz gut korrigieren ohne die ganze Lok wieder auseinanderbauen zu müssen: Mit einer gebogenen Pinzette wurde besagter Teil wieder in die richtige Stellung gebracht und dadurch die ganze Steuerung wieder vertikal korrekt ausgerichtet.
Nach dieser letzten Korrektur war es also Zeit für die wirkliche finale Testfahrt - und diesmal zeigten sich keine Probleme sondergleichen: Die Lok fuhr überzeugend sowohl in Schnell- als auch in Langsamfahrt, auch der Lichtwechsel funktionierte wie vorgesehen [9]. Was für ein toller Anblick, diese Lok wieder so schön fahren zu sehen!
Damit war unser BR93-Modell wieder bereit für weitere Einsätze und dieses Projekt erfolgreich beendet.
~HS~
Verkauf
Im August 2026 fand diese schöne Lok bei Günter in Uslar ein neues Zuhause. Viel Spass damit!
Referenzen
[1] Roco-Katalog 1980/81, Seite 5 - Neuheiten 1981 - Via Video-Durchsicht auf https://www.youtube.com/watch?v=FFWIAbciaR8
[2] Test BR93 auf dem Rollenprüfstand - https://www.dropbox.com/scl/fi/b5hdr3xtsx1irnyzu4x68/Roco-04122-BR93-Test-auf-Rollenpr-fstand.mp4?rlkey=9jmn4j5uqc46swij35flydc32&st=rsl6q6pq&dl=0
[3] BR93 Rolltest mit der Hand - https://www.dropbox.com/scl/fi/91lrp8yfxfvl3fi1g5lcv/BR93-Rolltest.mp4?rlkey=m6su8sxdbpuz0nnm51iyft1wb&st=04cskou7&dl=0
[4] Mikro-Maulschlüssel von Donau Elektronik - https://donau-elektronik.de/Artikel/Werkzeuge/Schraubendreher/DONAU-Schraubendreher/3914/980-SET-Micro-Maulschluessel-Set-10-tlg.-1-4-mm
[5] Roco H0 Haftreifen von KaModell - https://www.kamodel.com/de/domu/1253-haftreifen-kamodel-fuer-hohoe-roco-lokomotiven-6stk.html
[6] BR93 Rolltest nach Zusammenbau - https://www.dropbox.com/scl/fi/eq3540mttogx33iputp82/BR93-Rolltest-NACHHER.mp4?rlkey=49xvbzqhxc7bz456mx8z0bx25&st=9eqv190p&dl=0
[7] BR93 Testfahrt auf dem Rollenprüfstand - https://www.dropbox.com/scl/fi/4yzthkap5otm93xra5nny/20260811_234611.mp4?rlkey=ngrk4q5u10hir4noct6ps65yx&st=ek7xgi4a&dl=0
[8] BR93 - Blockiertes Gestänge bei Fahrt um die Kurve - https://www.dropbox.com/scl/fi/vjavw9mpr72dmddwm0r98/20260812_000041.mp4?rlkey=q4vyycjkrnqtc03goizej2og3&st=42etyc3a&dl=0
[9] BR93 - Finale Testfahrt - https://www.dropbox.com/scl/fi/ws2d78tizka81o672zbw0/BR93-Finale-Testfahrt.mp4?rlkey=adovielwpctyrjm3w3srj08cj&st=tux9y1h3&dl=0
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